Zu sehen ist die Burg Sooneck
Burgenlexikon - Dr. Stefan Grathoff

Kategorie: D, Rheinland-Pfalz Zuletzt aktualisiert: 02.11.2005

Dill

Südwestlich Kirchberg im Hunsrück, nördlich von Rhaunen

Woher kam Landegerus de Tila? - von Josef Heinzelmann

In dem Begleitheftchen zur Sponheimer-Ausstellung in Simmern wird die Ersterwähnung von Dill (und sogar der Burg Dill) auf 1090 vorverlegt. Dies gehe auf eine neu gefundene Quelle, ein „Reichensberger Schenkungsbuch“, zurück. Dort werde ein Landegerus de Tila genannt, und dieses Tila sei der älteste erhaltene Beleg für Dill.
Offensichtlich ist hier das Reichenbacher Schenkungsbuch gemeint, eine Quelle, die seit 1756 mehrfach ediert worden ist. Freilich kam erst 1997 eine wirklich umfassende Edition heraus (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe A, Quellen, 40. Band). Erst dieser Bearbeiter (Stephan Molitor) hat das längst bekannte Tila mit Dill identifiziert. Es handelt sich also nicht um einen Neufund, sondern um eine neue Identifikation. Die bisherige Forschung setzte Tila nicht mit Dill gleich, sondern ließ die Frage offen. Wer hat recht?
Betrachten wir die ganze Stelle: Es geht um Besitz (mehrere Huben und zwei curtes u. a.) des dem hl. Gregorius geweihten Priorats Reichenbach in Svlza iuxta Wormatiam. Die Einträge begegnen fast gleichlautend in zwei Handschriften, einer, die in St. Paul im Lavanttal (P) liegt, einer zweiten in Stuttgart (St). Sie lautet: Ex his (den Huben und Höfen) quidam Cǒno de Hepphenheim, cliens Ezzonis de Steinheim, dedit sancti Gregorio ibidem curtem unam et duas Hǒbas et VII iugera agri et duo iugera uinearum. In qua donatione quidam Landegerus de Tila dedit XXVIII marcas prefato Ezzoni, ut ipse hanc deditionem firmaret.[Zu zitieren als P 40 und St 43. Die Seite mit P 40 wird auf S. XXV reproduziert.]
In den Fußnoten identifiziert Molitor Svlza mit einem nicht existenten Hohensulz bei Worms; Hepphenheim mit „Heppenheim bei Worms“.; und Steinheim sei „Nach WUB II S. 400 Anm. 120“ (also einer früheren Edition) „abgeg. Dorf bei Eltville am Rhein.“ Richtig muss es heißen: Hohensülzen und Steinheimer Hof (der noch heute existiert). Und „Heppenheim bei Worms“ ist von Reichenbach aus und überhaupt unklar, denn es gibt deren drei: das an der Bergstraße, Gau-H. und H. an der Wiese Ist die Identifikation von Tila genau so oberflächlich?
Schon sprachlich erheben sich große Bedenken. Gewiss schwankten die Schreiber etwas regellos zwischen D und T (z. B. Duingin und Tvingin u. a. für Tübingen). Aber es ist eindeutig, dass hier ein langes i gemeint ist, das in beiden Handschriften mit einem Schrägstrich akzentuiert ist. Damit ist keine Brücke zu Dill und dem ältesten, wenig späteren Beleg Dille möglich. Die wahrscheinlichste Identifikation ist die mit dem Tila, Tyla, das auch in mittelrheinischen und Mainzischen Urkunden genannt wird: die heutige Stadt Tiel im jetzt niederländischen Gelderland an einem der Rheinarme. Wie bedeutend sie als Handelszentrum damals war, mag man aus dem ihr geltenden Artikel im „Lexikon des Mittelalters“ ersehen. De Thiele … venientes … mussten de unaquaquam naui einen guten Salm und Wein für 2 Denare in Koblenz abgeben. Heinrich IV. hat dies 1104 in der Koblenzer Zollordnung [MRUB I, Nr. 409]  gewiss nicht ohne Grund angegeben und auf keinen Fall Dill gemeint. Die größere Entfernung von Reichenbach und Hohensülzen wird wettgemacht durch die viel stärkere Ausstrahlung. Dill wie Tiel waren gleichermaßen „abgelegen“.
Nähern wir uns dem Problem zur Sicherheit auch von der inhaltlichen Seite: Kuno von Heppenheim schenkt Landgüter, die nicht sein Allod sind, sondern Lehen des Ezzo von Steinheim. Damit dieser zustimmt, wird er mit dem beachtlichen Betrag von 28 damaligen „Mark“ Silbers abgefunden, den Landger de Tila aufbringt, sei es zugunsten des Kuno (der dann wohl sein Verwandter war), oder zugunsten des Priorats, eine damals durchaus übliche Praxis, auf Schenkungsgütern liegende Rechte (von potentiellen Erben, von Lehnsherren usw.) abzukaufen. Cives waren Stadtbürger, wahrscheinlich Handelsleute (so unklar dieser Begriff damals noch ist; die Definition: Adlige oder Ministerialen, die Fernhandel betreiben, dürfte für viele cives zutreffen). Cives erscheinen unter den Schenkern für Reichenbach und sein Mutterkloster Hirsau auffallend oft und dies auffallend gern mit Geldschenkungen, man denke an den Wignand von Mainz, oder an mehrere Bürger von Worms, unter ihnen einen Kuno, der mit dem Kuno von Heppenheim identisch sein könnte. Dass Landger Geld schenkt, macht es also unwahrscheinlich, dass er in Dill den namengebenden Sitz hatte. Landadlige schenkten fast ausschließlich Splitterbesitz. Ein Handelsmann, der in Tiel saß, aber vielleicht vom Oberrhein stammte, konnte praktisch nur Geld schenken.
Fazit: Dass mit dem Landegerus de Tila ein Adliger aus Dill gemeint ist (er wäre auch weder der Person noch dem Namen nach bei den Nellenburgern oder Mörsbergern unterzubringen) oder gar ein Ministeriale oder Bauer aus Dill ist in höchstem Maße unwahrscheinlich, fast unmöglich. Die örtlichen Geschichtsforscher sollten nicht so unbedacht irgendwelche Auslegungen messfremder Editoren übernehmen. Komisch ist es freilich, dass sie damit die Gemeinde Dill fast davon abgehalten hätten, 2007 die 900-Jahrfeier der Erstnennung zu begehen.
„Erstnennung“, nicht Gründung der Burg. Aus den genealogischen Gegebenheiten kann man nämlich folgern, dass ihre Existenz sehr viel früher begann.[Anm. siehe dazu am Schluss dieses Beitrags] 1024 kam sie nach dem Tod Adalberts von Mörsberg an Meginhard von Spanheim. Dieser war wohl 1112 bereits sein Schwiegersohn, denn beide treten gemeinsam auf. Adalbert wiederum hatte Dill spätestens 1098 von den Nellenburgern ererbt. Da er im zugehörigen Territorium zwischen Kappel und Wüschheim eine neue Burg gründete (die wohl nie fertig wurde), und der er wie drei anderen Neugründungen den Namen seiner Stammburg Mörsberg gab, hat er die Burg Dill übernommen und nicht selber erbaut. Damit kommen wir auf ein Gründungsdatum von vor 1098, und es wäre angesichts der topographischen Gegebenheit nicht ausgeschlossen, dass sie so alt wie die Schmidtburg wäre. Was aber nicht ausschließt, dass sie römische und gar keltische Vorläufer hatte.

[Anm.: Vgl. meine Aufsätze Spanheimer-Späne. Schachwappen und Konradiner­erbe, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 25 (1999), S. 7–68; Der Name Sophia als genealogisches Indiz und Problem, II. Teil: Sophia von Salm und von Spanheim, sowie die Vererbung des rheinischen Pfalzgrafen­amts, in: Archiv für Familiengeschichtsforschung, Jg. 6 (2002), S. 285–300 und Die Spanheimer als Besitznachfolger des Dux Cuno de Beckilinheim, in: Archiv für Familiengeschichtsforschung, Jg. 7 (2003), S. 42–44.

Autor:
Josef Heinzelmann
Kirchweg 1
55430 Oberwesel-Langscheid
Tel.: 06744-94023
Fax 01805 060 344 084 91
eMail: josefheinzelmann@t-online.de
(21. August 2005)


Nach Dehio wurde Burg Dill schon im Jahr 1107 genannt und ist 1124 an die Grafen von Sponheim gefallen.
Hermann schreibt, es sei zwar umfangreiches Quellenmaterial zu den Grafen von Sponheim erhalten und ediert, es gebe aber keine urkundlichen Hinweise zur Datierung des Wohnturms in Dill.
Ein Zusammenhang zwischen dem Bau des Wohnturms und der Eroberung von Dill durch Erzbischof Balduin von Luxemburg sei nicht zwingend. Die Einnahme der Burg könne zwar durch eine Urkunde vom 17. Juni 1329 belegt werden (Otto 3021), von einer Zerstörung als Anlass für eine neue Bebauung werde jedoch nichts berichtet. Wenn man die Kachelöfen als Hinweis zur Datierung hinzunehme, könne der Wohnturm nicht vor der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden sein, wahrscheinlich stamme er sogar erst aus dem 15. Jahrhundert. Der Wohnturm sei offensichtlich am Ende des 15. Jahrhunderts umgebaut worden. Anlass für den Umbau könnte die 1479 erfolgte Bestimmung von Dill als Witwensitz der Gemahlin des Herzogs von Pfalz-Simmern gewesen sein.
Nach Dehio ist die Burg seit 1697 Ruine.

Von: Josef Heinzelmann und Christofer Hermann