Zu sehen ist die Burg Sooneck
Burgenlexikon - Dr. Stefan Grathoff

Kategorie: N, Bayern Zuletzt aktualisiert: 24.11.15

Neustadt an der Mömling

Ehemalige Wasserburg beim Neustädter Hof zwischen Mömlingen und Eisenbach

von Wolfgang Hartmann

Im un­te­ren Müm­ling­tal liegt zwi­schen Möm­lin­gen und Ei­sen­bach der Neu­städ­ter Hof.1113 erscheint die im Mittelalter Neustatt genannte Siedlung erstmals in der schriftlichen Überlieferung. Kaiser Heinrich V. bestätigte damals dem Kloster Steinbach bei Michelstadt umfangreiche Besitzungen, darunter zwei Huben in Miniminga, womit Mömlingen gemeint war, und eine Hube in Nuenstat. Die ältere Forschung hielt es für Neustadt unterm Breuberg. Das trifft jedoch nicht zu, denn dieses Städtchen wurde erst im 14.Jahrhundert gegründet.

Besitz des Domstifts
Wie aus einem in den 1120er-Jahren in Bamberg entstandenen Güterverzeichnis hervorgeht, verfügte das dortige Domstift über einen umfangreichen Besitzkomplex am Untermain. Zu ihm gehörten zwei Huben und eine Kirche mit dem Zehnt in Nivwinstat, sieben Huben in Mvnelingen (Mömlingen) sowie das benachbarte, im Spätmittelalter wüst gewordene Dorf Hausen hinter der Sonne. Es war höchstwahrscheinlich Kaiser Heinrich II., der dem Bamberger Domstift den untermainischen Besitz mit den Orten Niedernberg und Leider schenkte. Neustatt bestand also im hohen Mittelalter aus mindestens drei Hofstellen (Huben) und einer Kirche. Über den Entstehungszeitpunkt sind einige Aussagen möglich. Neustatt bedeutet neue Statt (Stätte). Der Name nimmt somit Bezug auf ältere Nachbarorte. Zu ihnen zählt zweifellos Mömlingen, dessen frühfränkisches Reihengräberfeld im 6. Jahrhundert angelegt wurde. Auch Eisenbach ist sicherlich älter als Neustatt, doch dürfte der zeitliche Abstand deutlich geringer sein.

Siedlungsplätze zweiter Wahl
Anders stellt sich das Verhältnis von Neustatt zu dem einst nordwestlich angrenzenden Hausen hinter der Sonne dar. Beide Orte dürften etwa gleichzeitig in karolingischer Epoche entstanden sein. Ihre beengte Lage zwischen steilen Berghängen und einst sumpfiger Mümlingniederung kennzeichnet sie als Siedlungsplätze zweiter Wahl. Der Verlauf von Gemarkungsgrenzen und Altwegen lässt erkennen, dass Hausen von Mömlingen und Neustatt von Eisenbach aus erschlossen wurde, wobei Neustatt in kirchlicher Hinsicht eine Verbindungsfunktion zukam. Seine Kirche war nicht nur für Hausen zuständig, sie gilt auch als Mutterkirche von Mömlingen und Eisenbach. Geht der Name Neustatt auf diese Funktion zurück? Ist er als Gegensatz zu damals noch heidnisch geprägten Nachbarorten zu verstehen? Wurden auf dem relativ großen Kirchhof, der einst das Gotteshaus umgab, anfangs auch die Christen von Mömlingen und Eisenbach bestattet?
Die mündliche Überlieferung schreibt die Entstehung der ersten Neustätter Kirche dem heiligen Bonifatius (gestorben 754 oder 755) zu. Auf besondere Gründungsumstände deuten auch die Namen zweier benachbarter Quellen: Jesusbrunnen und Johannesbrunnen. Letzterer verweist auf das Patrozinium der 1863 abgebrochenen Kirche, die Johannes dem Täufer geweiht war.
Neben der Mutterkirche besaß das mittelalterliche Neustatt noch weitere Besonderheiten. Niederadelige erbauten dort nacheinander zwei kleine Burgen. Die ältere von ihnen war eine von einem Wassergraben geschützte Turmburg (Motte). Sie erhob sich auf einem später Schneirersbuckel genannten Hügel am oberen Rand der Siedlung. Nach ihr ist 1312 eine Angehörige der Geiling von Altheim als domina dicta Geilingin de Nuwenstad benannt.
Im selben Altheim bei Dieburg hatten auch die "Krieg" ihren Stammsitz, von denen 1285 Werner Criech von Isenbach wohl die ehemalige Kleinburg auf dem "Ölenbuckel" nahe der Eisenbacher Kirche bewohnte. Beide Hügelburgen kamen wahrscheinlich durch Heirat an die Ritterfamilie der "Bache" und wurden um 1397 durch Schenk Johann von Erbach zerstört, der sich mit dem Pfalzgrafen gegen räuberische Überfälle des Kleinadels im Odenwald verbündet hatte.

Lehen erzwungen
Um das Jahr 1403 begann Jorg (Georg) Bache im Wiesengrund zwischen Neustatt und Mümling eine neue Burg zu errichten. Das missfiel den Herren der nahen Veste Breuberg, den Grafen von Wertheim. Sie ließen den noch unfertigen Wehrbau von ihren Reitern einnehmen und zwangen Jorg, ihnen die Burg zu Lehen aufzutragen. Der Bache kam dem zwar nach, jedoch nur zur Hälfte. Die andere (ideelle) Hälfte unterstellte er dem Mainzer Erzbischof. Dies war ein kluger Schachzug, den die Breuberg-Wertheimer zähneknirschend hinnehmen mussten.
Dem mächtigen Mainzer Metropolit, dem als Herr der Cent Bachgau auch die Orte des unteren Mümlingtales unterstanden, konnten die Grafen nicht die Stirn bieten. Jorg Bache vollendet mit erzbischöflicher Zustimmung die kleine Burg und umgibt sie mit einem Wassergraben, den der Jesusbrunnen speist. Der Ritter nennt sich jetzt stolz "von Nuwenstad". Über dem Eingangstor prangen die Ahnenwappen.
Seine Frau Agnes von Erlebach hatte ihrem Gatten zusätzlichen Besitz in Neustatt und Umgebung zugebracht. Darunter befand sich ein Gut in Hausen hinter der Sonne, das bereits den Erlebachern wegen rückständiger Gült zu entgleiten drohte. Als es unter Jorg Bache gerichtlich dem mainzischen Stift Aschaffenburg zugesprochen wird, kommt es zu einer Fehde, in deren Verlauf der streitbare Ritter mit dem Kirchenbann belegt wird.
Damit erklärt sich das Rätsel, warum die für ihn und seine Frau vorgesehenen Grabgrüfte in der Neustätter Kirche leer blieben. Auch Jorgs Söhne Hans und Madern standen mit der Mainzer Geistlichkeit auf Kriegsfuß. 1434 nahmen sie - vielleicht als Reaktion auf die Exkommunikation ihres Vaters - den Pfarrer von Wenigumstadt gefangen. Sehr wahrscheinlich versteckten sie ihn in ihrer Burg.

1440 "gewonnen und verbrant"
Wenige Jahre später brachten die Brüder das Fass zum Überlaufen. Zusammen mit Knechten, die sie 1440 in ihrem Haus zu Newenstat uff der Mumlingen beherbergten, griffen sie Reisende an, die unter Geleitschutz des Mainzer Erzbischofs standen. Dieser reagierte sofort. Er schickte eine Truppe, die ihm bald meldete, dass die Burg gewonnen und verbrant ist. [Mainzer Ingrossaturbuch Bd. 24 fol. 46v und ebd. fol. 47] Offensichtlich sahen die Bache im Raubrittertum ihre letzte Chance, dem finanziellen Ruin und standesmäßigen Untergang ihrer Familie entgegenzuwirken.
Wollte man nicht in bürgerlichen oder gar bäuerlichen Stand absinken, blieb nur, sich in die Abhängigkeit von Größeren zu begeben. Das taten sie: Hans Bache wurde Burgmann der Grafen von Wertheim auf dem Breuberg, sein Bruder Madern pfalzgräflicher Dienstmann auf der Veste Otzberg. Mit den Brüdern erlosch die Ritterfamilie im Mannesstamm.
Unter den nach den Bache in Neustatt begüterten Adeligen verschmolz die alte Hubensiedlung zu einem Hofgut. Sehr wahrscheinlich war es der 1560 auf seinem Schlossgut zu Großwallstadt verstorbene, kurmainzische Amtmann Jakob von Praunheim, der den Neustädter Hof mit Mauern und Türmen befestigen ließ, wie er auf historischen Karten - als "Schloss Neustadt" - dargestellt ist.

Enge Beziehung zum Dienstherrn
Es dürfte der engen Beziehung zu seinem Dienstherrn zuzuschreiben sein, dass schon in einem Verzeichnis adeliger Güter der Cent Bachgau von 1555 nichts mehr von erzbischöflich-mainzischen Lehensrechten am Neustädter Hof zu lesen ist. Die Herrschaft Breuberg hingegen machte bis ins 19. Jahrhundert ihre Lehenshoheit über eine Hälfte des Hofes geltend. Diese Ansprüche gingen offensichtlich auf die einst von Breuberg-Wertheim erzwungene Lehensauftragung zurück. Auf Jakob von Praunheim folgten - auch in Großwallstadt - die Grorod und die Knebel von Katzenelnbogen, nach dem Dreißigjährigen Krieg die von Bertremoville und die Lieb.
Während die ebenfalls niederadeligen Lieb zeitweise noch auf dem Neustädter Hof wohnten und sich auch um die Kirche kümmerten, zeigten die Nachkommen ihrer Erbtöchter kein Interesse an der Erhaltung der Gebäude. Auf Wunsch des Hofpächters ließ man um 1863 alles abbrechen, was man für unnütz hielt, um Steine für größere Viehställe und weitere Baumaßnahmen zu gewinnen. Die Türme der Hofbefestigung legte man ein.

Gesprengt und eingeebnet
Der "Schneirersbuckel" wurde eingeebnet. Den Quadersteinen der Bache-Burg ging es mit Sprengungen an den Kragen. Schließlich fielen mit Zustimmung des Eisenbacher Pfarrers auch die Hofkirche und die Kirchhofmauer der Spitzhacke zum Opfer. Ein historisch einzigartiges Bauensemble unserer Heimat war damit zerstört.
1884 verkauften die Erben der Lieb das Hofgut an zwei Schaafheimer Landwirte namens Höreth und Engel, deren Nachkommen sich heute noch den Hof teilen. Mitglieder des Reit- und Fahrvereins Obernburg sowie Gäste der Gutsschänke besuchen Neustädter Hof. Diese, aber auch Passanten werden sich schon gefragt haben, worum es sich bei dem alten Mauerwerk handelt, das sich in einem Gehölz verbirgt.
Es sind Reste der Bache-Burg, nicht eines römischen Bauwerks, wie auf älteren Karten angegeben. Welche dramatischen Ereignisse sich hier abspielten, was für ein Schicksal ihren Erbauern beschieden war, ist ebenso längst in Vergessenheit geraten, wie vieles mehr aus der bewegten Geschichte der Siedlung "Nuenstat".

Quelle: Wolfgang Hartmann. Aus Main-Echo vom 24.11.2015.

Literatur: Wolfgang Hartmann: Verschwundene Kleinburgen im unteren Mümlingtal. In: Spessart 11 (1986), S. 2-14.

Von: Wolfgang Hartmann