Zu sehen ist die Burg Sooneck
Burgenlexikon - Dr. Stefan Grathoff

Kategorie: B, Rheinland-Pfalz Zuletzt aktualisiert: 18.06.2005

Bingen

Bingen am Rhein

Als im Jahr 763 Bingen als castrum bezeichnet wurde, war damit die von römischen Mauerresten umgebene Gemeinde als Ganzes gemeint. Der Mainzer Erzbischof hatte schon 793 Grundbesitz in Bingen, das Gemeinwesen wurde dem Mainzer aber erst von Kaiser Otto II. in der berühmten Schenkung des Jahres 983 überlassen. König Heinrich IV. wurde 1105 für kurze Zeit von seinem Sohn Heinrich V. in Bingen (angeblich auf Burg Klopp) gefangen gehalten, bevor er nach Wald-Böckelheim verbracht wurde (Como 74).
Zwischen 1138-1141 ließ Erzbischof Adalbert II. die Mauern und Gräben von Bingen wiederherstellen, neue Türme errichten und setzt einen Vogt zur Verteidigung seiner Rechte und Güter ein (Böhmer/Will 1, S.314 Nr.41). Ob zu dieser Zeit eine Burg errichtet wurde ist unsicher: Bingen wurde als camera specialis und täglicher Wohnort des Erzbischofs bezeichnet, vielleicht ein Zeichen dafür, das die Burg fertiggestellt war (Böhmer/Will XXIX,102). Als Erzbischof Arnold 1158 die Besitzungen des 1147/1148 gegründeten Klosters Rupertsberg bestätigt, wird auch das Druseburger Tor genannt, welches (nach Weidemann und Como) auf den Namen der Burg "Drususburg" hinweisen soll. Die Drususburg soll um 11 bis 9 vor Chr. als Wachturm von den Römern unter ihrem Befehlshaber Drusus errichtet worden sein. Die Drususburg soll von den Normannen zerstört worden sein.
Ende 1164 wird Erzbischof Konrad abgesetzt. Kaiser Friedrich I. lässt die Mainzischen Besitzungen in Thüringen, Hessen und im Rheingau durch Landgraf Ludwig II. von Thüringen verwüsten. Dabei werden 1165 die castella Rusteberg, Haarburg, Amöneburg, Bingen und die Mauern in Erfurt zerstört und geschleift (destruitur). Wie hoch der Zerstörungsgrad in Bingen war, bleibt ungewiss. Der Landgraf verbrannte auch die Mainzer Besitzungen um Bingen und Mainz, Rüdesheim und Geisenheim und auch das neuerrichtete Kloster Eberbach werden von Zerstörungen heimgesucht (Böhmer/Will 2 S.8 Nr.43). Wenig später wird ein Turm (turris ) in Bingen, vielleicht ist damit der Wohnturm der Burg gemeint, als dem Erzstift entfremdet bezeichnet. Erzbischof Christians von Buch (1165-1183) hatte diesen Turm dem Reichsministerialen Werner III. von Bolanden zu Lehen gegeben. Mit viel Mühe forderte Christians Nachfolger, Erzbischof Konrad, diesen Turm vor 1190 von Werner III. von Bolanden zurück (MzUB 2,2 Nr.531). Der Erzbischof vertraute die Burgverwaltung den Reinboten an, der ein strenges Regiment führte. Bingen, Burg Klopp und seine Burgmänner, darunter die Ritter von Rüdesheim, die Herren von Stromberg und die Grafen von Sponheim, waren 1254-1273 Mitglied des Rheinischen Städtebundes. 1277 werden erstmals mainzische Burgmannen in Bingen genannt, ausdrücklich genannt wird Burg Klopp aber erst im Jahre 1282.

Belagerung 1301
Im August 1301 kam es während des sog. "Zollkrieges" zur Belagerung Bingens, die in den Quellen (Chronicon Colmariense, S.268f., Binger Annalen S.135 und Österreichische Reimchronik Vers 77685 bis Vers 77875) sehr anschaulich beschrieben ist. König Albrecht I. (1298-1308) geriet mit dem Mainzer Erzbischof und dem Pfalzgrafen bei Rhein in Streit, als er ihnen im Jahr 1301 verbot, Zölle entlang des Rheines von den Handelsreisenden und Handelsschiffen zu kassieren. Nachdem sich König Albrecht zuerst gegen den Pfalzgrafen gewandt hatte, eroberte er im Juli 1301 das mainzische Bensheim und die mit Mainz verbündete katzenelnbogische Burg Zwingenberg a. d. Bergstraße. Dann überquerte bei Oppenheim den Rhein, nahm im Vorbeimarsch die mainzische Burg Nieder-Olm ein und belagerte schließlich seit dem 13. August die Stadt Bingen. Über die Belagerung berichten mehrere zeitgenössische Chroniken, u.a. besonders ausführlich ein unbekannter Schreiber aus Colmar. Erzbischof Gerhard II. (1289-1305) soll noch im letzen Moment versucht haben, die Verteidigungskraft der Stadt durch die Verpflichtung von Burgmannen zu stärken. Doch schon rückten die königlichen Truppen heran und begannen, die erzbischöflichen Ländereien im Umfeld der Rheinstadt zu verwüsten. Bingen war in dieser Zeit eine starke befestigte (munita valde) Stadt. Auf zwei Seiten durch den Rhein und die Nahe geschützt, konnte sie dort, so teilt der Colmarer Chronist mit, "nur unter Mühen und Gefahren von Schiffen aus angegriffen werden". Auf der dritten Seite stand die stark befestigte Steinburg (castrum forte in lapide), die - so hieß es - "nur unter großem Aufwand und hohen Kosten" unterminiert (subfodi) und erobert (expugnari) werden konnte. Die vierte Seite der Stadt war durch einen tiefen Graben, eine starke und hohe Mauer sowie durch Tore und Türme geschützt. Die Besatzung bestand, so fährt der Chronist fort, aus fünf Grafen mit ihren kampferprobten Gefolgsleuten sowie weiteren 500 Mann. König Albrecht, dem 2.200 gut gerüstete Reiter und Fußvolk zur Verfügung standen, griff Bingen sowohl von der Wasser- als auch von der Landseite an. Auf der Rheinseite operierten zahlreiche Schiffe, die zu einer Schiffsbrücke verbunden wurden, und auf diese Weise einen Zugang zur Mauer eröffnen sollten. Die Entscheidung fiel aber auf der Landseite. Es gelang König Albrecht, die Stadt durch zwei Belagerungsmaschinen (vasa concava), die Spezialisten (artifices sapientes) gebaut hatten, zu erobern. Es handelte sich bei den beiden Belagerungsmaschinen um eine Katze (catta) und einen Krebs (cancer). Die Katze wird als ein langes, viereckiges, niedriges Holzgerüst beschrieben, das oben durch starke Dachplatten und seitlich durch Eichen- und Eschenhölzer geschützt war, so dass von der Mauerherabgeworfene Steine keinen Schaden anrichten konnten. Die Katze, so berichtet der Chronist, sei leicht gewesen und konnte entsprechendbequem gezogen werden. Die Angreifer bauten eine Rampe über den Stadtgraben und zogen die Katze vor die Mauern. Offensichtlich planten sie, im Schutz der Katze einen Stollen unter die Stadtmauer zu graben. Doch die Binger machten einen Ausfall und schoben die Katze in den Stadtgraben. Daraufhin, so fährt der Chronist fort, schoben mehr als 100 Belagerer mühsam den schweren Krebs heran. In diesem massiv geschützten Holzhaus war ein schwerer langer Rammbalken mit breiter eisen ummantelter Spitze an Seilen aufgehängt. Der Krebs wurde dicht an die Mauer gestellt und der Balken von zahlreichen Männern in Pendelbewegung versetzt. Mit wenigen Stößen wurden bereits die ersten Mauerteile zum Einsturz gebracht. Auf diese Weise gelang es auch, den(Tor-?)Turm so zu erschüttern, dass er einstürzte. Als die (ritterlichen) Verteidiger die Mauern fallen sahen, ließen sie alle Geräte (machinas et instrumenta) stehen und liegen, die sie zur Verteidigung Bingens gebaut hatten, und zogen sich rasch hinter die Mauern der Stadtburg zurück. Die königlichen Truppen strömten in die Stadt und umzingelten Burg Klopp. Sie schoben einen kleinen Krebs an die Burgmauer, um diese zum Einsturz zu bringen. Die Belagertenversuchten während eines Ausfalls die Katze zu zerstören, wurden aber mit „Rauch und Gestank“ zurückgetrieben. Als die Belagerten die Katze von der Burgmauer aus in Brand schießen wollten, geriet durch ihre Unachtsamkeit das Holzwerk der Burg in Brand und die Verteidiger mussten sich in den noch unversehrten Burgfried zurückziehen. Hier konnten sich die Verzweifelten aber nicht lange halten, da sie weder über Wasser noch Lebensmittel verfügten, und musste sich nach wenigen Tagen ergeben. Am 25./26. September ergaben sie sich bedingungslos. Der Friede mit Pfalzgraf Rudolf wurde vor dem 20. Juli 1301, mit König Albrecht am 21. März 1302, mit dem Kölner Erzbischof am 24. Oktober 1302 und mit dem Trierer Erzbischof im November 1302 geschlossen.
Im Jahre 1354 verpfändete das Erzbistum Burg und Stadt an Kuno von Falkenstein, der jedoch wenige Jahre später Erzbischof von Trier wurde, sodass Stadt und Burg wieder in den Mainzer bischöflichen Besitz wechselten. Die Pfandschaft hatte eine gerichtliches Anchspiel. Als Kuno von falkenstein, so lautete der Vorwurf des Erzbischofes vor dem Rat der Stadt Frankfurt sah, dass er die Binger Burg binnen vier Wochen zur Lösung freigeben musste, ließ er im Schlafzimmer der Burg einen geheimen Zugang anlegen, der von außen über den Zwinger der Burg zu erreichen war. Als Erzbischof Gerlach die Burg übernahm und den Gang entdeckte, unterstellte er Kuno, ihm nach dem Leben zu trachten. Dieser rechtfertigte den Gang damit, dass er sich in den unsicheren Zeiten seiner Vormundschaftsregierung lediglich einen Fluchtweg geschaffen habe. Das Vorhaben, Erzbischof Gerlach von dem Gang zu unterrichten, habe er fallengelassen, als dieser ihm mit einer Klage drohte.
1392 erscheint erstmals der vom Domkapitel bestellte Amtmann, zu dessen Pflichten auch die Burghut gehörte. Die Burgmannen scheinen ihre Funktion verloren zu haben. 1403 wurde die Burg durch Brand fast vernichtet. 1422 war Burg Klopp Lehen der Grafen von Sponheim (Como 73). 1424 tauschte der Mainzer Erzbischof die Hälfte von Bingen an das Domkapitel ein, 1427 verpfändete er die andere Hälfte an die Domherren. (Como 73 = 1420). 1438 trat Erzbischof Dietrich von Erbach die Stadt endgültig an das Domkapitel ab, bei dem es bis Ende des 18. Jahrhunderts blieb. 1472 wird als erster Büchsenmeister Konrad Grefe von Wildungen genannt (Como 76). 1490 Großbrand. Im 30jährigen Krieg wurde Bingen mehrfach besetzt. Nach 1631 kamen die Schweden in den Besitz Bingens, dann die Kaiserlichen, die sich Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar ergeben mussten, der 1636 Burg und Stadt wieder den Kaiserlichen geben musste. 1639 kam der Herzog mit Hilfe der Franzosen erneut in ihren Besitz. 1644 besetzten die Franzosen erneut das Erzstift und waren im Januar 1648 auch auf Burg Klopp.
Mit dem bereits 1632 zerstörten Kloster Rupertsberg war auch die Burg Ruine geworden. Die Bürger planten sie wieder aufzubauen, doch im pfälzischen Erbfolgekrieg steckten die Franzosen 1689 die Stadt in Brand und sprengten die Burg. Nach anderer Ansicht wurde die Burg 1710 (Dehio = 1711) von der Mainzischen Besatzung gesprengt, um zu verhindern, dass sichd er Feind in ihr festsetzte (Tillmann 510). Im Jahr 1793 endet die Herrschaft des Mainzer Domkapitels.
Während der französischen Besatzungszeit war die Burg „Nationaleigentum“. Nach 1815 gehörte Bingen zum Großherzogtum Hessen. Nach alten, historischen Plänen wurde die Burg zwischen 1875 und 1879 wieder aufgebaut und das Rathaus der Stadt Bingen in ihre Räume verlegt. Seit dem Jahre 1897 ist die Burg Klopp Sitz der Stadtverwaltung Bingen. Anfang des 19.Jahrhunderts wurde die Burg vom Notar Faber erworben. Die ganze Besitzung ging 1840 für 22.000 Gulden durch Kauf an den kurländischen Grafen Mengden über, der sie 1855 dem Kaufmann Ludwig Cron überließ, der die Burg in weiten Teilen (Brunnen, Brücke, Torhaus, Turm) erneuern ließ. In den Jahren 1875-1879 entstand dann, mittlerweile hatte der Schwiegersohn Ludwig Crons, Max Allert, die Burg übernommen, nach den Plänen Soherrs das vollkommen neue Schloss im rheinischen Burgenstil. Seit 1897 gehört die Burganlage der Stadt Bingen und wird Sitz der Stadtverwaltung. Während des 2. Weltkrieges erlitt die Burg leichte Schäden, ie nach dem Krieg ausgebessert wurden. Noch im Jahr 1981 wurde ein gewaltiges Mauerstück im Burggraben neu aufgerichtet.

Quelle: Como; Grathoff, Erzbischofsburgen; Lehmann, Sponheim, 1, 53ff., 84, 128f.; Kremer, Dipl. Beiträge S. 190

Literaturhinweise:
J. Como: Burg Klopp. In: J. Como: Alt-Bingen. (= Rheinhessen in seiner Vergangenheit.4). Mainz 1924;
J.H. Hockenbeck: Geschichte des Schlosses Klopp bei Bingen. 1882.
N.N. Weidenbach: Die Burg Klopp. In: Beilage zu dem Amtsblatt für die Ämter Rüdesheim usw., 1857, Nr.16.

Von: (sg)