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Burgenlexikon - Dr. Stefan Grathoff

3.5 Die Bedeutung des Weins innerhalb des Wirtschaftsbetriebes

Der hier untersuchte Zeitraum liegt am Ende einer Epoche, die als spätmittelalterliche Agrardepression bezeichnet wird. Mit dem beginnenden 16. Jahrhundert setzte ein Aufschwung im Bereich der Landwirtschaft ein. Dieser Umschwung wurde von der Forschung vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung der Landwirtschaft und des Handwerks allgemein, der demographischen Veränderungen und der Preisentwicklung beschrieben. Die Weinwirtschaft und hier vor allem der elsässische Weinbau fanden innerhalb dieser Diskussion keine besondere Erwähnung (FN 393). Anhand der Zusammenstellung der Wirtschaftsdaten der Abtei im 16. Jahrhundert, der gesamten Einnahmen und der Ausgaben sowie des Geldüberschusses bzw. -defizites läßt sich die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung der Abtei aufzeigen (FN 394). [Tabelle 10] Nur in drei von 32 Jahresabschlüssen mußte der Abteischaffner einen Negativsaldo in seiner Bilanz notieren, in allen anderen Jahren konnte er einen mehr oder weniger üppigen Gewinn verbuchen. Bei den Schwankungen, die sich aus den natürlichen Schwankungen eines hauptsächlich landwirtschaftlich orientieren Wirtschaftsbetriebes ergeben, stechen einige Besonderheiten hervor, auf die hier näher eingegangen werden soll. Die ersten beiden Jahrzehnte zeigen ein eher unauffälliges auf und ab in den Bilanzzahlen. Die besonders hoch ausgefallenen Gewinne des Jahres 1513/1514 sind dabei nicht mit dem Weinbau in Verbindung zu bringen, da sich die Ertragsmengen und die Verkaufszahlen der Weine nicht wesentlich von denen der anderen Jahre unterscheiden. Für die Zeit zwischen 1521 und 1559 liegen keinerlei Angaben zu Abteierlösen und -ausgaben vor. Vielleicht hängt dieser Umstand mit den Wirren des Bauernkrieges zusammen, in den auch die Abtei Andlau verwickelt war. Am Schluß dieses Beitrages wird in einem kurzen Exkurs auf die Ereignisse dieser Zeit und die Auswirkungen der wirtschaftlichen und sozialen Spannungen eingegangen werden. In den 60er Jahren stiegen die Einnahmen sprunghaft an. Etwas zeitverzögert verdoppelten sich fast die Ausgaben im Jahr 1564/1565. Der Grund für diese Kostenexplosion bleibt im Dunkeln. Zum Teil mag sie mit dem Bau der Kirche in Walff zusammenhängen, an dem sich die Abtei beteiligte (FN 395). Ein ähnlicher Vorgang vollzieht sich in den 70er Jahren. Die Einnahmen steigen unvermittelt, zeitverzögert wachsen dann auch die Ausgaben. Die Verdoppelung der Einnahmen steht offensichtlich im Zusammenhang mit dem Verkauf von Gütern durch die Äbtissin und mit dem verstärkten Verkauf von Getreide. Bezüglich des Güterverkaufs kam es zu erheblichen Differenzen zwischen der Äbtissin Maria Magdalena Rebstock (1570-1610) und dem Straßburger Bischof Johann von Manderscheid-Blankenheim (1569-1592). Der Bischof hatte versucht, den Verkauf von Wirtschaftsgütern durch die Äbtissin zu verhindern. Mit dem Hinweis auf die Exemption ihrer Abtei sprach die Äbtissin ihm ein solches Vetorecht ab. Erst nach Intervention des Straßburger Rates Contz und einem vergeblichen Versuch von Äbtissin und Schaffner, den Beauftragten des Bischofs zu bestechen, fügte sich die Abteileitung und gestand dem Bischof volles Zustimmungsrecht bei substantiellen Änderungen am Klosterbesitz zu (FN 396). Ein weiterer Grund für den gestiegenen Abteigewinn wird auch die Lage auf dem Getreidemarkt in Straßburg sein. Aufgrund eines gewaltigen Versorgungsengpaß auf der anderen Rheinseite wurden die Getreidelieferungen nach dort verstärkt und die Preise schnellten in die Höhe (FN 397). Davon profitierte die Abtei. Ein Großteil des Gewinns in diesen Jahren wurde durch den gesteigerten Getreideverkauf erzielt. Darauf wird noch zurückzukommen sein. Die Kostenlawine, welche die Abtei mit dem Jahr 1572/1573 erfaßte, hing wohl mit den Ereignissen zusammen, die die Einführung der Reformation (FN 398), welche in den Herren von Andlau gewichtige Fürsprecher hatte (FN 399), mit sich brachte. Zwar gelang es der Abtei unter ihrer Äbtissin Magdalena Rebstock (1570-1610) (FN 400) und mit Unterstützung des Kaisers, anders als anderen Klöstern (FN 401), die Reformatoren fernzuhalten (FN 402). Der rege Briefverkehr zwischen den Herren von Andlau und der Abtei (FN 403) zeigt aber, wie sehr die Duldung der lutherischen Prediger als Gefahr für die kirchlichen (FN 404) und finanziellen Belange der Abtei (FN 405) angesehen wurde (FN 406). Auch die auferzwungene Unterstellung der Abtei unter den Straßburger Bischof im Jahr 1573 (FN 407), die damit verbundenen neuen Verwaltungsrichtlinien (FN 408), der Tod Alexanders von Andlau im Jahr 1573 und die Nachfolge seines Sohnes Hans Ludwig können mit der Kostenexplosition in Verbindung gebracht werden. Nicht zuletzt dürfte die Bautätigkeit der Abtei in dieser Zeitt (FN 409) beachtliche Geldmengen verschlungen haben. Inwieweit die Bautätigkeit der Herren im Ort Andlau, das sie fortifikatorisch verstärken ließen (FN 410), ein Kostenfaktor für die Abtei war, läßt sich dagegen nicht sagen. Selbst der Rückkauf des Stadelhofes in Marlenheim und des Oedenwaldes, der 1580/81 erfolgte, hatte schon 10 Jahre zuvor Bedeutung in der Finanzpolitik der Abtei gehabt (FN 411). In einem Brief an den Straßburger Bischof Johann von Manderscheid-Blankenheim (1569-1592) teilte Äbtissin Cordula von Krotzingen (1538-1572) 1572 stolz mit, daß ein namhafft rest an geld auf der Haben-Seite übriggeblieben sei. Sie schlug vor, das Geld zur Lösung Marlenheims, das zu dieser Zeit der Stadt Straßburg verpfändet war, zu verwenden (FN 412). Doch welche Rolle spielte die Weinwirtschaft in diesen gesamtwirtschaftlichen Vorgängen. Einnahmen flossen der Abtei aus verschiedenen Quellen zu. Das erste überlieferte Rechnungsbuch aus dem Wirtschaftsjahr 1500/1501, das der Andlauer Schaffner Richard Volgen von Heidolsheim der Äbtissin Kunigunde von Reinach (1494-1537) vorlegte (FN 413), verzeichnete Einnahmen aus der Getreideproduktion und Erträge aus Pfennigzinsen. Dazu kamen die Erträge aus Weinzins- und Weinzehnt sowie die Einnahmen aus den verkauften, verpachteten bzw. zu Lehen vergebenen Reben. Auf der Ausgabenseite finden sich Naturallieferungen und Zinszahlungen an diverse geistliche Institutionen und weltliche Personen, die Abgaben und Zahlungen an Bedienstete und Werkleute, sonstige Erntekosten sowie außerhalb der Weinwirtschaft Zahlungen für Baumaßnahmen und diverse andere im Rahmen des Abteilebens anfallende Zahlungen. An erster Stelle der Ausgaben standen 1501/1502 die Zinsabgaben (22,8 %) und die Bezahlung von Altschulden (21,2%). Bedeutend waren auch die Ausgaben für Handwerker und andere Werkleute (14,7 %), denen Tag- oder Auftragslohn gezahlt wurde. Gesindelohn und Auslagen für das Herbsten schlugen mit jeweils 8 % zu Buche, während die Ausgaben für den Rebbau selbst mit gut 2,5 % zu den kleinen Ausgabenposten der Abtei gehörten. Der Getreidebau der Abtei hatte beachtliche Ausmaße. Die von Wisplinghoff resümierte Forschungsmeinung, daß "der Getreidebau ein kaum Gewinn versprechendes Unternehmen darstellte" (FN 414), trifft so pauschal ausgesprochen für den Bereich der Abtei Andlau nicht zu. Ähnlich wie beim Wein wurde Getreide nur zum geringen Teil im Eigenbau (eigen gewehße) betrieben. Die meisten Äcker wurden von zinspflichtigen Pächtern bewirtschaftet. Hinzu kamen solche Getreideflächen, die der Abtei zehntpflichtig waren (FN 415). Während im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts andernorts die Getreidepreise leicht stiegen, fielen sie im Elsaß zwischen 1501 und 1525 um die Hälfte, ebenso die Preise für Vieh und andere tierische Produkte (FN 416). Im Jahr 1501/1502 gelangten aus der Getreidewirtschaft unter dem Strich gerade einmal 49 Pfd., 15 ß, 5 d, 1 h in die Klosterkasse, was einem Anteil von etwas mehr als 6 % am Gesamtbetriebsergebnis entsprach (FN 417). Die Absatzmöglichkeiten in diesen Jahren waren begrenzt, die Kellerbestände demzufolge enorm. Rund 57 % des Weinertrages blieb in den Kellern und gut 40 % des Getreideertrages lagerte in den Speichern (FN 418). Sie standen damit als Rücklage für das kommende Jahr zur Verfügung. Francis Rapp betont (FN 419), daß das Schicksal der Finanzen am Wein hing. Das Weinjahr 1502/1503 fiel sehr gut aus. Zu den 191 Fudern vom Vorjahr kamen fast 27 Fuder von den eigenbewirtschafteten Gütern hinzu. Zins und Zehnt sicherten der Abtei eine Einnahme von mehr als 336 Fuder. Abzüglich der 60 Fuder für den Eigenbedarf der Abtei blieben 460 Fuder zum Verkauf. Doch lediglich 51 Fuder wurden verkauft und brachten 136,1 Pfd. in die Kasse. Wegen der hohen Ausgaben der Abtei (Eigenverbrauch, Personalkosten, Aufwendungen für Schuldentilgung) und den Kosten des Eigenbetriebs in Höhe von ca. 71 Pfd. konnte der Schaffner lediglich 4,5 Pfd. als Gewinn verbuchen (FN 420). Die Getreideproduktion brachte zu Beginn des 16. Jahrhunderts stets einen Überschuß, der aber geringere Einnahmen als der Weinanbau in die Abteikasse brachte (FN 421). Der Eigenverbrauchsanteil an Getreide dürfte dabei aber höher gewesen sein als der des Weins. Im letzten Drittel des Jahrhunderts sah das Verhältnis zwischen Wein- und Getreideanbau ganz anders aus. Im Jahr 1579/1580 ermöglichten die Erträge an Weizen (FN 422), Roggen (FN 423), Gerste (FN 424) und Hafer (FN 425) eine beruhigende Lagerhaltung (FN 426). Die Geldeinnahmen der Abtei beliefen sich 1579/1580 auf 1.925,20 Pfd. Davon stammten 66,5 Prozent aus dem Getreideverkauf (1.279,9 Pfd.), 11,1 Prozent aus den Einnahmen der Pfennigzinsen (214,5 Pfd.) und lediglich 9,5 Prozent aus dem Weinverkauf (182,8 Pfd.). Der Rest entfiel auf andere Einkünfte (FN 427). Dieser Trend setzte sich in den folgenden Jahren fort. 1584/1585 wurde sowohl bei Weizen, als auch bei Roggen, Gerste und Hafer ein Überschuß erzielt. Ein Teil der Getreideeinnahmen wurde selbst verbraucht oder aufgrund bestimmter Verpflichtungen an Dritte abgegeben (FN 428). Die restlichen Weizenvorräte wurden auf dem Markt verkauft (FN 429), lediglich der Hafer war, da keine Verkaufsmeldungen vorliegen, wohl ausschließlich für den Eigenverbrauch bestimmt. Ein Rest an Roggen, Gerste und Hafer verblieb als Reserve und Winterbedarf in den Speichern (FN 430). Der Weinbestand belief sich in diesem Wirtschaftsjahr auf 88,9 Fuder (davon 9,5 Fuder Rotwein). Die Weinlieferungen betrugen 57,6 Fuder (davon 6,3 Fuder Rotwein). Von den Geldeinnahmen in Höhe von 1.878,6 Pfd. erbrachte der Getreideverkauf 38,8 Prozent (729,8 Pfd.), der Pfennigzins 43,3 Prozent (813,8 Pfd.) und der Weinverkauf 14,6 Prozent (273,9 Pfd.) (FN 431). Im Einzelnen stellte sich der Anteil der Einnahmen aus dem Weinverkauf an den Gesamteinnahmen der Abtei wie folgt dar: [Tabelle 11] Der Anteil der Weineinnahmen am Gesamtbetriebsergebnis der Klosterwirtschaft betrug zu Beginn des Jahrhunderts ca. ein Drittel. Dieser Wert stieg nach 1505 bemerkenswert an. Von bis dahin durchschnittlich 27,6 % war der Anteil bis zum nächsten feststellbaren Jahresbetrag auf 74,14 % bzw. 80,42 % hochgeschnellt. Die Zehnteinnahmen nahmen dagegen, wie oben geschildert, deutlich ab. Im Jahr 1500/1501 konnten ca. 140 Fuder eingesammelt werden. Diese Menge entsprach einem Geldwert von ca. 462 Pfd. Bis 1511/1512 sanken die Zehnteinnahmen auf ca. 68 Fuder. Auf dem Markt verkauft, hätte diese Menge ca. 352 Pfd. in die Kasse gebracht. 1520/1521 konnten die Zehnteinnahmen noch einmal auf 78 Fuder gesteigert werden, was einem Geldwert von ca. 527 Pfd. entsprochen hätte (FN 432). Für die folgenden Jahrzehnte liegen leider keine Verkaufszahlen vor, sodaß eine Verbindung der in den 70er Jahren hochschnellenden Gesamteinnahmen und -ausgaben der Abtei mit dem Weinverkauf nicht in Verbindung gebracht werden können. Doch wie die vorhandenen beiden Angaben für die 70er und 80er Jahre zeigen, sanken der Weinverkauf und der mit ihm erzielte Gelderlös dramatisch ab. Die Erlöse der Abtei wurden also nicht aus dem Weinbau, sondern aus Güterverkäufen, dem Getreideanbau und den eingehenden Geldzinsen erwirtschaftet. Der Anteil des Weinhandels an diesen Gewinnen war noch sehr gering. Diese Beobachtung setzt sich bei der Betrachtung der Ertragsmengen fort (FN 433). [Tabelle 12] Zusammen mit den Andlauer und Kintzheimer Kellerbeständen, die sich auf mehr als 291 Fuder beliefen, konnte die Abtei im Rechnungsjahr 1500/1501 über eine Ertragsmenge von ca. 478 Fuder, davon ca. 10 % Rotwein, verfügen. Von dieser Menge kam nur ein Viertel zum Verkauf. Der Eigenverbrauch samt der Weine, die an andere Institutionen und Personen abgegeben wurden (FN 434), betrug fast 89 Fuder, was einem Anteil von ca. 18 % an der Gesamtertragsmenge entspricht. Bei Zugrundelegung eines in diesem Jahr zu erzielenden Fuderpreises in Höhe von 3,3 Pfd. hätte der Schaffner auf den Märkten ungefähr 290 Pfd. dafür bekommen. Die im Laufe des Jahrhunderts abnehmenden Erträge und Kellerbestände führten zwangsläufig zu einem sinkenden Eigenverbrauch und einer reduzierten Vergabe von Abteiweinen. Im Jahr 1529/1521 wurde eine beachtliche Menge Wein verkauft. Da die Erträge des Jahres nicht ausreichten, mußte auf die Kellervorräte zurückgegriffen werden. Die lückenhaften Angaben zu den Jahren zwischen 1521 und 1580 erschweren eine weitergehende Analyse der Entwicklung. Die Zahlen für 1579/1580 sprechen aber für sich. Ertrag und Kellerbestände waren deutlich reduziert. Der Verkauf war praktisch zum Erliegen gekommen. Die Weinvorräte wurden vornehmlich für den Eigenverbrauch bzw. die Weinvergabungen benötigt. Nur noch knapp ein Zehntel des Weinvorrates konnte veräußert werden.