Zu sehen ist die Burg Sooneck
Burgenlexikon - Dr. Stefan Grathoff

2. Die weltliche Herrschaft der Abtei im Mittelalter

Die weltliche Herrschaft der Abtei wurde maßgeblich durch ihre eigentümliche Doppelstellung zwischen Reichs- und Papstabtei (FN 20) bestimmt. In dieses Beziehungsgeflecht waren zusätzlich noch die Bischöfe von Straßburg eingebunden. Großen Einfluß auf die Entwicklung der Abtei übten darüber hinaus die Herren von Andlau aus, die als Inhaber der wichtigsten Herrschaftsrechte in der Gemarkung Andlau in ein ständiges Konkurrenzverhältnis zur Abtei traten. Kaiserin Richardis unterstellte ihre Gründung im Jahr 881 zunächst dem päpstlichen Stuhl (FN 21), um damit der Abtei einen gewissen Schutz angedeihen zu lassen. Dieser Schritt könnte durchaus als Affront gegen das Königtum im Allgemeinen und ihren Ehemann im besonderen gedacht gewesen sein (FN 22), doch zwei Jahrzehnte später unterstrich auch der König seine Verbundenheit mit der Abtei (FN 23). Die geistliche und weltliche Protektion, die durch den Straßburger Bischof garantiert werden sollte (FN 24), konnte allerdings nicht verhindern, daß schon Ende des Jahrtausends benachbarte weltliche Herrschaftsträger ein Auge auf den reichen Besitz der Abtei warfen. Der um Hilfe angesprochene Papst Gregor V. (996-999) vertraute die Abtei dem Straßburger Bischof Widerold (992-999) an (FN 25), der den Schutz des Güterbestandes übernehmen (FN 26) und den Abteidamen eine ungestörte religiöse Entfaltung ermöglichen sollte. Eine durch Brand verursachte Zerstörung der Abtei im Jahr 1160 (FN 27) gab dem Kaiser Gelegenheit, seine Rechtsansprüche auf die Abtei erneut in Erinnerung zu bringen (FN 28). Der Übergang der Abteivogtei von den Grafen von Egisheim-Dagsburg an das Reich, der zwischen 1178 und 1212 stattgefunden haben wird (FN 29), und die mutmaßliche Erhebung der Äbtissin in den Reichsfürstenstand (FN 30), könnten Anlaß gewesen sein, den Straßburger Bischof auf den Plan zu rufen. Dieser versuchte zunächst, die Abtei an die Zisterzienser zu binden und damit wieder größeren Einfluß auf die Abtei zu gewinnen (FN 31). Er schreckte aber auch nicht davor zurück, die Reichsburg, den Sitz des kaiserlichen Regionalstatthalters im Ort, mit Waffengewalt zu zerstören (FN 32). Bischof Bertold von Teck (1223-1244) bemächtigte sich 1226/1227 der Herrschaft Egisheim-Dagsburg (FN 33). Bischof Heinrich III. von Stahleck führte die Politik seines Vorgängers fort. Er soll sich 1246 nicht nur elsässisches Reichsgut, sondern auch die Vogtei Andlau einverleibt haben, die er dann offensichtlich seinem Bruder Alexander von der Dicke zuspielte (FN 34). In der Zeit nach dem Ende der Staufer nutzten bekanntlich zahlreiche geistliche und weltliche Herren die Schwäche der Zentralgewalt, um Reichskirchengut an sich zu ziehen. Was die Abtei Andlau betrifft, waren in diese Politik nicht nur der Papst (FN 35) und der Straßburger Bischof (FN 36) involviert; auch die Herren von Andlau spielten sich, zunächst auf bischöflich-straßburgischer Seite, in den Vordergrund (FN 37). Doch langfristig drängten die Straßburger Bischöfe auf einen Ausgleich (FN 3). Es gelang König Rudolf von Habsburg (1273-1291) im Rahmen seiner Revindikationspolitik, die Herren von Andlau auf seine Seite zu ziehen (FN 39). Sukzessive führte er sie in die Statthalterschaft auf der Reichsburg (FN 40) und in das Schultheißenamt im Ort Andlau (FN 41) ein und übergab ihnen vielleicht schon zu dieser Zeit die Reichsvogtei über die Abtei (FN 42). Als Ausgleich für diese Überlassung wichtiger Herrschaftsrechte an das aufstrebende Herrengeschlecht könnte König Rudolf die Andlauer Äbtissin in den Reichsfürstenstand erhoben haben. Der Herrscher hätte mit dieser Ergebung, sollte sie zu dieser Zeit erfolgt sein (FN 43), die Reichsunmittelbarkeit der Abtei betont und die Abtei daraufhin durchaus dem Schutz des Straßburger Bischofs anvertrauen können (FN 44). Für die Abtei hatte dies freilich weitreichende Folgen: die Abhängigkeit vom Bischof (FN 45) wurde ebenso festgeschrieben wie - dies sollte sich im Laufe der Zeit zeigen - die Bindung der Abtei an die Stadt Straßburg (FN 46). Die Ministerialen von Andlau waren die typischen Vertreter eines aus unfreien Anfängen über die Zugehörigkeit zu einer geistlichen Dienstmannschaft aufgestiegenen Herrengeschlechts (FN 47). Mitglieder der Familie waren Lehnsträger des Reiches, der Abtei Andlau und verschiedener anderer Herren. Zudem verfügte die Familie selbst über einen ausgedehnten Lehnshof. Die Macht des Geschlechts gründete sich nicht nur auf einen umfangreichen Grundbesitz, sondern auch auf einen beachtlichen Burgenbesitz. Dieser erstreckte sich auf die Reichslehnsburg Andlau, die bischöflich-straßburgische Lehnsburg in Walff (FN 48), die 1334 vom Straßburger Viztum Rudolf von Andlau neu erbaute bischöflich-straßburgische Feste im Andlautal (Hoh-Andlau) (FN 49), auf die Spesburg (FN 50) und auf Burg Alsweiler/Orschweier (Orschwihr) (FN 51). Das enge Nebeneinander herrschaftlicher Interessen in zahlreichen Orten, in denen sowohl die Abtei als auch die Herren von Andlau über Rechte verfügten, schlug sich nicht nur in kleineren Unstimmigkeiten nieder (FN 52), sondern führte auch zu einer erbitterten Konkurrenz um die Herrschaft im Andlautal (FN 53) und die Verfügungsgewalt über die Burgen Hoh-Andlau (FN 54) und Spesburg (FN 55). Auch der Bereich des Weinbaus blieb von dieser Konfrontation nicht verschont. Über die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um die Zehntrechte in Andlau wird weiter unten noch zu berichten sein. Den Höhepunkt des Gegensatzes bildeten im späten 16. Jahrhundert die Bemühungen der Herren von Andlau, die Reformation im Bereich der Abtei durchzusetzen. Die herrschaftliche Bedeutung der Abtei und ihre wirtschaftliche Stärke beruhten von Anfang an auf einem ansehnlichen Grundbesitz, der hauptsächlich durch Erbschaften und Schenkungen zusammengekommen war. Als der spätere Kaiser Karl III. (893-929), der Sohn Ludwig des Deutschen (826-876), im Sommer 862 Richardis, die Tochter des Grafen Erchangar (FN 56) im Elsaß, heiratete (FN 57), bedachte der Schwiegervater die Braut mit einem großzügigen Wittum in Gestalt von Gütern am Kaiserstuhl, am Rande des Schwarzwaldes und im Breisgau (FN 58). Nach dem Zerwürfnis mit ihrem Gemahl (FN 59) gründete Richardis zwischen 880 und 884 die Abteikirche bei der bereits bestehenden Kirche St. Salvatoris in Eleon (FN 60). Die Morgengabe und dazu die vom Vater geerbten Güter (FN 61) bildeten die territoriale Grundlage der Stiftung. Zu diesen Erbgütern zählte Grundbesitz in Zellweiler, Meistratzheim (FN 62), Kräutergersheim und Walscheid in Lothringen mit einem großen Güter- und Waldkomplex in den Vogesen (FN 63). Vom Ehemann wurden die Klöster Bonmoutier (FN 64) und Etival (FN 65), aber auch Güter in (Mittel-)Bergheim (FN 66) dem Güterbestand der Abtei zugefügt. Die Entwicklung der einzelnen Besitzstücke der Abtei zwischen dem 9. und dem 16. Jahrhundert kann hier nicht im Detail nachvollzogen werden. Andlauer Besitz und Abteirechte lassen sich bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einem Gebiet feststellen, das vom Meurthetal bei Etival durch das Breuschtal, von Bonmoutier über die weiten Waldgebiete um den Donon (FN 67) bis nach Marlenheim (FN 6) und Steinburg (Steingewircke) (FN 69) reichte und sich im Süden fast bis Mühlhausen (Mulhouse) erstreckte. Die alten Güter im Gebiet des Kaiserstuhls und des Schwarzwaldes waren zu dieser Zeit nicht mehr im Besitz der Abtei. An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert lassen sich innerhalb dieses Bereiches landwirtschaftliche Aktivitäten der Abtei in Andlau selbst, in Barr, Bernhardsweiler, Birkenwald, Blienschweiler, Eichhofen, Ittersweiler, Kestenholz (Châtenois), Kintzheim, Kirchheim, Marlenheim, (Mittel-)Bergheim, Müttersholz, Nordheim, Nothalten, Odratzheim, Reichsfeld, Scherweiler, St. Pierre, Stotzheim, Tränheim, Waldolwisheim, Walff und Wisch (FN 70) feststellen (FN 71). In diesen Gemeinden wurden Getreide (Weizen, Roggen, Hafer, Gerste) und Wein (Rot- und Weißwein) entweder im Eigenbau kultiviert oder in Form von Pacht-, Lehn- und Zehnterträgen erwirtschaftet, hinzu kamen Einnahmen aus anderen Natural- und Geldeinkünften. Nach diesem kurzen Überblick über die Herrschafts- und Güterverhältnisse der Abtei wird nun die Weinwirtschaft, die einen Großteil der Abteieinkünfte ausmachte, in den Mittelpunkt der Darstellung gestellt.